Zum Jahresauftakt nimmt der DVGW zentrale energie- und wasserpolitische Vorhaben der Bundesregierung in den Blick und benennt aus Sicht der Versorgungswirtschaft konkreten Handlungsbedarf – von steuerbaren Kraftwerkskapazitäten über den Wasserstoffhochlauf bis zum Schutz von Trinkwasserressourcen.
Die Versorgungssicherheit mit bezahlbarer Energie muss im Zentrum aller wirtschaftspolitischen Vorhaben der Bundesregierung stehen. Nur wenn diese gewährleistet ist, gelingt es, die konjunkturelle und strukturelle Krise in Deutschland zu überwinden. Ausdrücklich begrüßt der DVGW, dass die Europäische Kommission und die Bundesregierung eine Einigung zur dringend notwendigen Kraftwerksstrategie erzielen konnten. „Diese überfällige Einigung jetzt zu Jahresbeginn ist ein wichtiges Signal für Energiesicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz auf europäischer und nationaler Ebene“, sagt Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Gerald Linke. „Union und SPD müssen in diesem energiepolitisch entscheidenden Jahr den Worten nun auch konkrete Taten folgen lassen.“
Kraftwerksstrategie: weitere Kapazitäten notwendig
Der DVGW sieht in der Einigung zwischen Berlin und Brüssel auch ein klares Bekenntnis zur fortbestehenden Bedeutung des Energieträgers Erdgas für die sichere Gestaltung der Transformation hin zu einer emissionsfreien Klimaneutralität. Gaskraftwerke gleichen die volatile Stromerzeugung der Erneuerbaren Energien aus, sie gewährleisten im Gegensatz zu Batteriespeichern auch im Falle langanhaltender Dunkelflauten zuverlässig die Stromversorgung für Industrie, Mittelstand und den privaten Verbrauch. Zudem sparen Gaskraftwerke im Vergleich zu den noch immer dominierenden Kohlekraftwerken erheblich CO₂ ein.

Foto: Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Gerald Linke und Vorstand Wasser, Dr. Wolf Merkel, beim Jahresauftakt-Pressegespräch des DVGW in Berlin. Foto: DVGW
Durch die EU-Vorgabe einer H₂-Readiness wird nun eine schrittweise Dekarbonisierung ermöglicht. Dass Gaskraftwerke, die perspektivisch mit Wasserstoff betrieben werden können, zum Bestandteil der Ausschreibungen gehören, ist eine richtige Entscheidung. Es ist notwendig, so der DVGW, dass die Bundesregierung zügig und noch in diesem Jahr die Auktionen für steuerbare Kapazitäten startet und den Betreibern des Wasserstoffkernnetzes so eine Perspektive für eine gesicherte Abnahme ermöglicht. Zu kritisieren ist hingegen, dass die nun vereinbarten 12 Gigawatt (GW) lediglich der bereits von der Ampelkoalition mit der EU-Ebene verhandelten Leistung entsprechen und hinter dem selbst gesteckten Ziel der Bundesregierung (mindestens 20 GW) zurückbleiben. Auch wurde durch den Neustart des Verfahrens unnötigerweise ein Jahr für die erfolgreiche Umsetzung der Energiewende verloren.
Der DVGW fordert die Bundesregierung auf, schnell, zielgerichtet und unter Vermeidung bürokratischer Hemmnisse ihre Kraftwerksstrategie umzusetzen und weitere Kapazitätsplanungen auf den Weg zu bringen.
Wasserstoffhochlauf und Wärmemarkt: Infrastruktur und Mengen entscheiden über den Erfolg
Deutschlands Anspruch muss es sein, beim Wasserstoffhochlauf weltweit eine technologische Spitzenposition einzunehmen. Dies sichert zum einen die inländische Versorgung mit klimaneutralen Gasen in der Zukunft und eröffnet andererseits Perspektiven für Transfer und Export von technologischem Wissen und von Hightech-Produkten, die eine auf Export ausgerichtete Volkswirtschaft, gerade in Zeiten wie diesen, so dringend benötigt.
Kritisch sieht der DVGW, dass die Bundesregierung im Zuge des Monitoringberichts zur Energiewende keine eigenen Mengenbedarfe zum Wasserstoff kommuniziert. Dagegen prognostiziert eine Expertenkommission einen erheblichen Bedarf von rund 300 bis 600 Terawattstunden (TWh) klimafreundlichem Wasserstoff, um die Klimaziele zu erreichen. Zugleich erwarten die Wissenschaftler bereits ab 2030 einen in der Folge stark wachsenden Importbedarf, der durch verschiedene Erzeugungsarten gedeckt werden muss, um die inländische Nachfrage zu decken. Nach Einschätzung des DVGW ist es daher notwendig, Wasserstoff zunächst in all seinen Farben herzustellen sowie die Erzeugung und Verteilung von Biomethan stärker auszubauen. Dies käme insbesondere dem Wärmesektor zugute.
Der DVGW ist überzeugt, dass „All electric“ mit der elektrischen Wärmepumpe nicht der Königsweg ist, sondern spricht sich stattdessen für eine technologieoffene, praktikable, rechtssichere und auf Klimaneutralität ausgerichtete Gebäude-Energiewende aus.
Schutz der Kritischen Infrastruktur: Sicherheit vor Transparenz für jedermann. Gesetze müssen praxistauglich sein.
Auch wenn Konsens darüber bestehen dürfte, dass ein hundertprozentiger Schutz der Kritischen Infrastruktur gegen Sabotagen nicht möglich ist, muss es eine Neubewertung der Transparenzpflicht geben. Der Verlauf von Leitungen der Kritischen Infrastruktur sollte zu den sensiblen Daten gehören, die nur einem eingeschränkten Kreis von Fachleuten und Behörden bekannt sind. Stattdessen sollte die Arbeit der Geheimdienste optimiert werden mit dem Ziel, realistische und konkrete Gefahren effektiv abzuwehren.
Auch mit Blick auf die Wasserversorgung sieht der DVGW umfassenden politischen Handlungsbedarf. In Deutschland zählt die Versorgung mit Trinkwasser zu der leistungsfähigsten weltweit. Damit das so bleibt, braucht sie stabile politische Rahmenbedingungen – insbesondere angesichts wachsender Anforderungen durch Klimawandel, neue Nutzungskonkurrenzen und veränderte sicherheitspolitische Bedrohungslagen.
Die Bedrohung durch physische und digitale Angriffe auf Kritische Infrastrukturen nimmt zu. Sabotage, Cyberattacken und hybride Gefahrenlagen legen offen, dass Versorgungssysteme verwundbar sind. Deshalb begrüßt der DVGW, dass mit der NIS-2-Richtlinie und dem KRITIS-Dachgesetz zentrale Sicherheitsregelwerke auf dem Weg sind.
Allerdings bestehen auch Bedenken: Unklare Formulierungen, mangelnde Konsequenz bei der Unterstützung und Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Branchenstandards, unrealistische Fristen sowie wirtschaftlich schwer tragbare Anforderungen schaffen Unsicherheiten für die Betreiber. Rückbauverpflichtungen oder verpflichtende Zertifizierungen könnten massive Zusatzkosten verursachen und die Versorgungssicherheit gefährden.
Der DVGW fordert daher eine Balance zwischen Sicherheit, Praktikabilität und wirtschaftlicher Umsetzbarkeit. Die Technische Selbstverwaltung muss dabei eine zentrale Rolle spielen – sie ist der Garant für praxisnahe und wirtschaftliche Lösungen.
Klimawandel: Wasser wird zum Standortfaktor
2025 war laut EU-Klimadienst Copernicus erneut eines der wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen – Teil einer seit elf Jahren anhaltenden Serie von Rekordtemperaturen. Für die Wasserversorgung bedeutet das: zunehmende Hitze und Trockenperioden, steigende Spitzenbedarfe trotz geringer Niederschläge und ein wachsender Bedarf an urbaner Kühlung zur Sicherung der Lebensqualität.
Gleichzeitig steigt die Bedeutung von Wasser als Wirtschafts- und Standortfaktor. Industriebranchen wie Chemie, IT und Automobilproduktion benötigen große Mengen – ebenso wie die Landwirtschaft, die verstärkt auf Bewässerung setzt. Regionale Nutzungskonflikte werden zunehmen. Eine vom DVGW 2025 vorgelegte Studie zeigt zudem: Neben den regulären Investitionen in Infrastruktur kommen auf die Versorger 3,2 bis 13,5 Milliarden Euro an klimawandelbedingten Zusatzkosten zu. Diese Summen kann die Branche nicht allein schultern.
Der Staat muss Förderprogramme konsequent anpassen und Investitionen in klimaresiliente Wasserinfrastrukturen gezielt unterstützen. Gleichzeitig müssen Genehmigungsverfahren vereinfacht sowie überregionale Planungen gestärkt werden, damit die Versorgungssicherheit auch langfristig gewährleistet bleibt.








