Rede anlässlich der 17. Tagung Rohrleitungsbau im Januar 2010 in Berlin
19.03.2010 - Nie war es schwieriger, als in dieser energiepolitisch wirren Zeit für sich als Unternehmer eine langfristige Strategie zu entwickeln.
Der beschlossene Ausstieg aus der Atomwirtschaft in Deutschland bei gleichzeitiger massiver Behinderung der Ersatzbeschaffung überalterter Kohlekraftwerke zeugt von unverantwortlicher energiepolitischer Führung. Während alternative Glaubenskrieger in Deutschland dem Bürger eine Energiepolitik ohne Kraftwerke vorschlagen, werden in ganz Europa neue Generationen von Atomanlagen gebaut, letztmalig mit deutscher Technik. Es bleibt zu hoffen, dass es uns gelingt, die öffentliche Diskussion über zukünftige Energieversorgung zu versachlichen und dem Bürger die Zeit-schiene für den langfristigen Ausbau erneuerbarer Energien und deren prozentual möglichen Anteil an der Versorgung zu erklären.
Was wird der Ausbau der Windenergiegewinnung an der Nordsee nutzen, wenn Bürgerinitiativen jeden neuen Strommast bekämpfen? Wie soll der Umbau der Kohlekraftwerke auf Gas-Kraftwerke gelingen, wenn der Aus-bau der Zulieferer-Pipelines meterweise erkämpft werden muss?
Hier hat die Bundeskanzlerin bemerkenswerterweise schon vor der Wahl den energiepolitischen Glaubenskämpfern ein klares Bekenntnis zum Energie-Mix für Deutschland entgegen gesetzt:
Ausbau der Windenergie mit einem Anteil von 20 % an der Gesamtener-gieversorgung bis 2020. Ein Ziel, das gleichlautend auch von Großversor-gern angestrebt wird. Begleitet wird dieses Zukunftsprojekt mit einem Energieausbau-Beschleunigungs-Gesetz, das die Widerstände gegen einen Ausbau der notwendigen Hochspannungsleitungen in Grenzen halten soll. Es wäre mehr als notwendig, ein solches Gesetz auch für den Ausbau der Pipeline-Stränge zu erlassen, damit wir den Ausbau der Opal- und Nabucco-Pipeline noch erleben dürfen.
Mit dem Bekenntnis der Regierung zum Ausbau CO2-reduzierter Kohle-kraftwerke und der Verlängerung der Laufzeiten für bestimmte Atommeiler wurden wichtige Aussagen getätigt, die uns hoffen lassen, Leitlinien zukünftiger Versorgung zu erkennen. Kraftwerksbauer, Armaturenher-steller, Rohrhersteller und Leitungsbauer müssen ihre Investitions- und Ausrichtungsstrategien aus zuverlässigen politischen Aussagen ableiten können. Noch sind wir von einer energiepolitischen Leitlinie weit entfernt.
Was sollen uns z. B. die Ankündigungen der Energieversorger sagen, gemeinsam in England neue Atomanlagen zu bauen, um die Stromversor-gung über das Jahr 2020 zu sichern, und die Bundesregierung beschließt parallel dazu, das Elektroauto zu fördern, mit dem Ziel, bis 2020 1 Million dieser Autos zuzulassen? Bauen wir nicht im Moment an der Verdichtung des Gas-Tankstellennetzes? Ist das Gas damit in der Automobil-Industrie nur noch eine Zwischenlösung?
Solange es noch keine klare Ausrichtung zukünftiger Energiepolitik gibt, ist es auch für uns als Leitungsbaubranche schwer, Handlungsweisen für Unternehmensstrategien abzuleiten. Die “Prognos”-Studie gibt dennoch beachtliche Signale, die wir interpretieren sollten. Dass erneuerbare Ener-gien bei der Wärmeversorgung von Neubauten Einzug gehalten haben, ist keine Utopie, sondern gelebte Praxis. Mit geradezu pionierhaftem Eifer wird in Neubaugebieten von Haus zu Haus die gesamte Palette erneuer-barer Energien eingesetzt: Geothermie, Wärmepumpe, Solarenergie gebündelt mit Erdgas, Pellets und neuerdings wieder Stromheizung.
Ein einheitliches Versorgungsbild früherer Siedlungsgebiete scheint abge-löst worden zu sein. Auffällig ist der drastische Abbau der leitungsgebun-denen Energieversorgung. Hier kommen mehrere Faktoren zusammen. Im Zuge der Regulierung ist die Förderung von Gas-Hausanschlüssen zum Erliegen gekommen. Welches Versorgungsunternehmen will den Bau eines Gas-Hausanschlusses bezuschussen, wenn der Kunde nach zwei Jahren den Lieferanten wechselt? Steigende Gaspreise und Wärme-dämmungs-Verordnung senken langfristig den Energieverbrauch. Niedrig-energiehäuser überlagern diese Tendenz, indem sie kontinuierliche Wärmeversorgung nicht brauchen und die Restenergieversorgung über die Stromversorgung tätigen können.
Der schon erwähnte Energie-Mix in neuen Siedlungsgebiete lässt den Ausbau leitungsgebundener Systeme finanziell fraglich werden. Es scheint keine Utopie mehr zu sein, dass Bürger selbst ihre Energieversorgung in die Hand nehmen und sich und angrenzende Siedlungsformen versorgen. Unabhängig von der Fragestellung unserer Zukunft als Leitungsbauer setzt hier die Unternehmensstrategie der Versorgungswirtschaft ein, von der wir im Moment noch abhängig sind.
Während man deutlich die Absetzbewegungen der Großversorger in Bezug auf die Netze sieht, stellt sich für jeden örtlichen Versorger die Frage zukünftiger Ausrichtung. ollte der Anteil der Gasversorgung tatsächlich auf unter 50 % Anteil an der Wärmeversorgung sinken, stellt sich die Frage nach der energieneutralen Ausrichtung?? Aus der Fragestellung wird schnell eine Antwort, wenn wir uns vor Augen halten, dass im Gas - wie im Strommarkt sich schon heute bis zu 50 Anbieter in den Netzen des örtlichen Versorgers tummeln und er mit jedem dieser Anbieter einen Verrechnungsvertrag schließen muss.
Das bedeutet für ein Versorgungsunternehmen, welches noch den Ehrgeiz hat, die Lufthoheit über sein Versorgungsgebiet zu halten, auch eine energieneutrale Beratung?? Einstieg in das Kontrakting, d. h. Lieferung von Energie und Heizungsanlagen, Gaslieferung in Verbindung mit Solar-energie, Ausbau von Nahwärmesystemen - so möglich - sowie die Finan-zierung und Wartung jeglicher Systeme. Auf die Versorger kommen damit innerbetrieblich gewaltige Aufgaben zu, für die sie fachkundiges Personal vorhalten müssen, um als örtliches Kompetenzzentrum anerkannt zu bleiben. Während wir darüber nachdenken, welche Auswirkungen die unterschiedlichen erneuerbaren Energien auf leitungsgebundene Netze haben, bahnen sich neue Gedanken einen Weg in die Zukunftsstrategie.
In einigen Jahren werden Niedrigenergiehäuser zur Pflicht und die Nach-rüstung des Altbestandes wird folgen. Wird dann die leitungsgebundene Energieversorgung wirklich überflüssig oder entsteht daraus die dezen-trale flexible Stromerzeugung der Zukunft? Eigene Energie mit einem Miniblock-Heizkraftwerk, wie es die Firma “Lichtblick” und VW vorschlagen? Strom für den eigenen Verbrauch mit einem Gasmotor, der die Abwärme für die Warmwasserbereitung, für Waschmaschinen und Trockner liefert? Mit einer intelligenten Vernetzung entsteht eine leistungsfähige Gemein-schaft, die wie ein Fischschwarm zu einem Ganzen wird: Ein leitungsge-bundenes Großkraftwerk!
Diese Gedanken sollten der Gaswirtschaft wichtig sein und könnten die Abkehr vom Ausbau der Gasnetze bremsen. Hier erwachsen für Dienst-leister und Zulieferer wiederum neue Betätigungsfelder. Bei aller Vielfalt im Beheizungsmarkt muss der örtliche Versorger die Herausforderung annehmen, da er bereits mit der Wasserversorgung ein vorhandenes Standbein hat, mit einem rückläufigen Gasnetz jedoch Synergieeffekte bei Bau- und Instandhaltung verliert. Nun ist die Wasserversorgung auch kein Fels in der Brandung mehr. Neue Mess- und Prüfmethoden und euro-päische Richtlinien werden die Wasserversorgung nicht verschonen. Aufbereitungsanlagen werden ergänzt und erweitert werden. Dazu die ewige politische Diskussion um den Wasserpreis, der selbst in der kleinsten Gemeinde den vielfältigen Parteien als Keule dient.
Eine neue Dimension in der Beachtung wird auf die Stromversorgung zukommen. Nicht nur die schon erwähnte Einspeisung der Windenergie oder die Restenergieversorgung von Niedrigenergiehäusern wird in den Blickpunkt rücken, sondern die energietechnische Aufrüstung im häus-lichen Bereich. Computersysteme, Beleuchtungssysteme mit automati-schen Steuerungen, Großbildwände als Kommunikationsplattformen, Alarmsysteme mit aufwändigen Vernetzungen lassen Stromausfälle zur Katastrophe werden. Internetnutzer und Anbieter haben ein flächen-deckendes Netz entwickelt und machen es möglich, von jedem Ort aus alles zu regeln. So können auch Firmen von den entlegendsten Orten aus weltweit Geschäfte tätigen und sind nicht mehr abhängig von besonders bevorzugten Ballungsräumen. Was als unbegrenzte Möglichkeit gefeiert wird, hat leitungsgebundene Risiken, die bei Ausfall zum Total-Gau führen und ein neues Licht auf nicht getätigte Investitionen in der Vergangenheit werfen. Hier droht Ungemach.
Wir müssen uns diese Entwicklungen verdeutlichen, um zu erkennen, wo zukünftige Schwerpunkte der Versorgung liegen. Was bedeuten die Veränderungen im Bereich der Versorgung für den Leitungsbauer und Netzdienstleister? Nur wer die neue Aufgabenstellung seiner Kunden versteht und Umwälzungen im Markt bewusst begleitet, kann für sich und sein Unternehmen eine Entwicklungsstrategie erarbeiten.- Dabei muss klar sein: Energiepolitische Strömungen verlaufen langwierig. Gott sei Dank! Denn Umstrukturierungen in einem mittelständischen Unternehmen können mit den in diesem Zusammenhang zu bewältigenden Problemen auch Jahre dauern. Als vor Jahren die Veränderungen im Versorgungs-markt zu erkennen waren, habe ich Sie aufgerufen, sich mit Ihrem Unternehmen breiter aufzustellen, sich wegen dieser vorgenannten Tendenzen im Energiemarkt dem gesamten Leistungsspektrum des Leitungsbaus zu stellen, einhergehend mit einer Bildungsoffensive an Haupt und Gliedern. Analysieren wir die Veränderungen in der Versorgung und deren Umfeld kommen neue Aufgaben und Möglichkeiten hinzu.
Wir müssen uns fragen: Wo ist unser Anteil am Ausbau erneuerbarer Energien? Sind wir gerüstet für die immer wichtiger werdende Erneuerung der Stromversorgung und der Kommunikationsnetze? Haben wir Personal für die Verlegung von Glasfaserkabeln? Nehmen wir als Firma Anteil an der Entwicklung erdverlegter Hochspannungsnetze? Sind städtische Beleuchtungsnetze und deren Wartung eine unerreichbare Herausfor-derung, nur weil wir nach oben schauen müssen? Wird “Smart Metering” der kommende Umbau auf ein intelligentes Zählerwesen nicht auch Dienstleistungsaktivitäten abwerfen? Haben wir uns auf die Untersuchung der Kanalhausanschlüsse und deren Sanierung vorbereitet, oder glauben wir, dass andere Dienstleister das besser können? Es gilt zu analysieren: welche Bandbreite zukünftiger Entwicklung ist in meiner Region möglich und welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf eigenes Invest und auf Personalentwicklung.
Nicht verschweigen sollte man die Risiken: gibt es nicht auch Tendenzen der Versorger zu Eigenleistungen und Ausgründungen eigener Abteilun-gen, bzw. Rückgang der Investitionen im Gas- und Wasserbereich in den laufenden Jahren und Focussierung auf das von der Regulierungs-behörde festgelegte Bemessungsjahr? Noch nie wurden von der Versorgungswirtschaft und der Industrie die Preise für ihre bezogenen Dienstleistungen so brutal in den Markt gepresst wie im Jahr 2009. Unsere Unternehmen mussten diese Erpressung in Teilen oder als Ganzes verkraften. Diese Entwicklung wird uns in naher Zukunft noch große Probleme bringen und noch lange beschäftigen. Umgekehrt werden diese Auszehrungen die Versorgungswirtschaft in den nächsten Jahren wie ein Bumerang treffen.
So müssen nun unglaubliche Aufgaben bewältigt werden:
- In einem sich wandelnden Markt eine neue Standortbestimmung erarbeiten
- Bei sinkenden Erträgen Investitionen für die eigene Entwicklung ermöglichen
- In einem an Facharbeitern und Ingenieuren mangelnden Arbeitsmarkt neue Mitarbeiter rekrutieren
- und den Risiko scheuen Banken dies alles als Zukunftskonzept verkaufen
Keine beneidenswerte Aufgabe für jedes einzelne Unternehmen, und deshalb sollten wir als Branche unser Umfeld neu sortieren und uns auf wesentliche Aufgaben konzentrieren.
Unsere Ziele als Leitungsbaubranche sollten klar und deutlich werden:
- Bündelung unserer Kräfte im Leitungsbau
- Stop mit der Zersiedelung im Verbandswesen
- Zusammenfassung unserer Zertifizierungen zu einem all umfassenden Leitungsbau-Zertifikat mit jeweiliger Zusatzqualifizierung, überprüft von
e i n e m Zertifizierer Schluss mit dem Zertifizierungs- und Präqualifizierungswahn
- Stärkung unseres eigenen Weiterbildungskonzeptes und Bündelung der Bildungsangebote im Leitungsbau Schluss mit Nonsens-Seminaren
- klare Öffentlichkeitsarbeit als Partner von Industrie und Versorgungswirtschaft mit eigener Deutungshoheit zum Thema Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit gegenüber dem Bürger und der Regierung Schluss mit dem nicht zuzuordnenden Stimmengewirr im Leitungsbau
- Darstellung der Unternehmens des Leitungsbaus als Industriefaktor mit dem Anspruch zur Mitgestaltung bei der Daseinsvorsorge
- Aufbruch zur Offenlegung der Mittelstand zersetzenden Preisdiktate
Es wird Zeit für die Zukunft. Ein neues Jahrzehnt hat begonnen, in dem wir zeigen müssen, dass wir als Leitungsbauunternehmen gewillt sind, unseren Beitrag an den zukünftigen Aufgaben selbstbewusst einzubrin-gen. Wir sollten die Veränderungen, die der Markt von uns fordert, als Herausforderung annehmen. Das ist die Aufgabe der Unternehmen, aber auch unserer Verbände.
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